{"id":645,"date":"2017-03-08T11:10:59","date_gmt":"2017-03-08T09:10:59","guid":{"rendered":"http:\/\/suchtpraevention-eschwege.de\/?p=645"},"modified":"2017-03-08T12:10:24","modified_gmt":"2017-03-08T10:10:24","slug":"konfirmation-ist-oft-ein-freifahrtschein-fur-das-erste-besaufnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/suchtpraevention-eschwege.de\/?p=645","title":{"rendered":"&#8222;Konfirmation ist oft ein Freifahrtschein f\u00fcr das erste Bes\u00e4ufnis\u2026&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Notaufnahme statt Familienfeier: Jedes Jahr landen frisch gebackene Konfirmandinnen und Konfirmanden wegen Alkoholvergiftungen im Krankenhaus. Die christliche Feier ist in vielen Regionen Deutschlands immer noch eine Art Initiationsritus zum Erwachsenwerden und damit der Freifahrtschein, um das erste Mal \u00f6ffentlich Alkohol trinken zu d\u00fcrfen. Diplom-Sozialp\u00e4dagoge Harald Nolte von der Fachstelle f\u00fcr Suchtpr\u00e4vention im Werra-Mei\u00dfner-Kreis in Eschwege erkl\u00e4rt im Interview mit Bettina Levecke von Starke-Eltern.de, was dahintersteckt und wie Eltern sich verhalten sollten.<!--more--><\/p>\n<p><b>Starke-Eltern: <\/b>Sehr geehrter Herr Nolte, landauf und landab werden jetzt die Konfirmationen gefeiert. Sie warnen vor Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen an diesen Feiern. Warum?<\/p>\n<p><b>Harald Nolte:<\/b> Wir erleben in jedem Jahr, dass Jugendliche am Tag der Konfirmation so viel Alkohol trinken, dass sie erbrechen oder sogar mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden m\u00fcssen. Besonders in Hessen ist der Brauch weit verbreitet, dass sich Konfirmandinnen und Konfirmanden am Nachmittag treffen, um dann mit fragw\u00fcrdigen Trinkritualen zu feiern.<\/p>\n<p><b>Warum ist die Konfirmation so stark mit Alkohol verbunden?<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b>Dahinter stecken alte geschichtliche Br\u00e4uche. Die Konfirmation gibt es seit 1538 (Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung), sie ist also schon ein sehr altes evangelisches \u00a0Ritual. Mehr und mehr wurde sie aber sp\u00e4ter zu einem \u00dcbergang von der Kindheit zur Erwachsenenwelt. Fr\u00fcher fielen zum Beispiel Konfirmation und Schulabschluss auf die gleiche Zeit, mit 14 Jahren \u201ekam man aus der Schule\u201c und fing eine Lehre an. Die Konfirmation war also so eine Art Initiationsritus zum Erwachsenwerden und dazu geh\u00f6rt gesellschaftlich eben auch das Trinken alkoholischer Getr\u00e4nke.<\/p>\n<p><b>Und diese Riten gelten bis heute?<\/b><\/p>\n<p>Seltsamerweise ja, obwohl 14j\u00e4hrige Jugendliche heute ja noch lange nicht als Erwachsen gelten, per Gesetz noch gar keinen Alkohol kaufen d\u00fcrfen.\u00a0 Trotzdem ist es in vielen Gegenden Deutschlands ganz normal, dass bei der Konfirmation den Jugendlichen zum ersten Mal Alkohol gereicht wird.\u00a0 Und zwar nicht nur zum Ansto\u00dfen. Wir erleben immer wieder, dass Jugendliche manchmal sogar von Verwandten oder sogar den eigenen Eltern regelrecht dazu \u00fcberredet werden, sich zu betrinken. Frei nach dem Motto: Wenn er jetzt mal die Erfahrung von einem Rausch macht, dann passiert das so schnell nicht wieder. Oft sogar gegen den eigentlichen Willen des Jugendlichen, den 14j\u00e4hrigen schmeckt der Alkohol meistens n\u00e4mlich gar nicht.<\/p>\n<p><b>Sie sprachen auch von Trinkritualen unter den Jugendlichen. Was meinen Sie damit?<\/b><\/p>\n<p>In vielen l\u00e4ndlichen Gebieten ist es Brauch, dass die Jugendlichen sich am Nachmittag der Konfirmation treffen. Manchmal sitzt man dann nur zusammen und trinkt in der Gruppe, manchmal ziehen die Konfirmanden aber auch von Haus zu Haus und bekommen \u00fcberall einen Schnaps oder ein anderes alkoholisches Getr\u00e4nk.<\/p>\n<p><b>Aber die Konfirmandinnen und Konfirmanden sind doch gerade mal 14 Jahre. Rein rechtlich ist das doch komplett verboten?<\/b><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich! Was da l\u00e4uft, ist nicht in Ordnung. Aber es beschreibt das Spannungsfeld, in dem sich die Jugendlichen befinden. Auf der einen Seite gibt es das Jugendschutzgesetz und auch die Warnungen der Eltern und auf der anderen Seite ist es im Dorf ein fester Brauch, dass an diesem Tag alle trinken. Es ist eine richtige Grauzone. Viele Pfarrer berichten uns von schlimmen Exzessen an diesen Tagen.\u00a0 F\u00fcr Jugendliche, die da mitten drin stehen, ist es nat\u00fcrlich schwer, Stellung zu beziehen und sich auch zu distanzieren.<\/p>\n<p><b>Was k\u00f6nnen Eltern tun?<\/b><\/p>\n<p>Man muss sich grunds\u00e4tzlich erstmal klar werden, was da eigentlich l\u00e4uft. Nur weil es ein Brauch ist, hei\u00dft es ja nicht, dass der auch in Ordnung ist. Man muss sich bewusst machen: Diese Jugendlichen sind 14 Jahre alt! Es macht \u00fcberhaupt keinen Sinn, dass sie von Haus zu Haus ziehen und sich betrinken! Ich habe schon viele Elternabende zum Thema durchgef\u00fchrt und dabei festgestellt: Die meisten Eltern w\u00fcnschen sich, dass diese Trinkrituale endlich aufh\u00f6ren. Ich rate deshalb immer dazu, sich auch mit anderen Eltern auszutauschen. Wenn sich die Eltern im Dorf einig sind, dass dieser Brauch nicht gut ist, k\u00f6nnen sie ihn auch abschaffen. Das Thema kann man zum Beispiel auch beim Pfarrer ansprechen oder selbst einen Elternabend organisieren. Alternativ k\u00f6nnen Eltern nat\u00fcrlich auch absprechen: Wenn die Jugendlichen schon von Haus zu Haus ziehen, gibt es S\u00fc\u00dfigkeiten statt Schnaps oder alkoholfreie Getr\u00e4nke.<\/p>\n<p><b>Wie kann man den Jugendlichen selbst klar machen, dass er sich nicht betrinken soll?<\/b><\/p>\n<p>Ich empfehle, fr\u00fchzeitig mit den Kindern zu reden und die Konfirmationsfeier zu planen. Unabh\u00e4ngig von den Br\u00e4uchen und Ritualen vor Ort, sollte man klarmachen: Das ist ein wichtiges und wertvolles Familienfest. Alle kommen, um mit dir zu feiern. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn du dann auch da bleibst und dich nicht mit deinen Freunden betrinken gehst. Dar\u00fcber kann man auch Vereinbarungen treffen, zum Beispiel: Wir richten diese Feier nur aus, wenn du dich auch damit einverstanden erkl\u00e4rst, da zu bleiben.<\/p>\n<p><b>Und was ist mit Alkohol zu Hause?<\/b><\/p>\n<p>Auch dar\u00fcber kann man reden. Das Jugendschutzgesetz erlaubt 14-16j\u00e4hrigen das Trinken im gesch\u00fctzten Rahmen, also in Begleitung eines Erwachsenen. Es ist also in Ordnung, wenn mit einem Sekt angesto\u00dfen wird oder die Jugendlichen ein Glas Wein oder Bier zum Essen probieren d\u00fcrfen. Dabei sollte es aber auch m\u00f6glichst bleiben. Eltern sollten dann darauf achten, dass ihr Kind sich nicht ein Getr\u00e4nk nach dem n\u00e4chsten holt, sonst l\u00e4uft wom\u00f6glich auch die Familienfeier aus dem Ruder.<\/p>\n<p><b>Inwiefern sind Eltern und Verwandte Vorbild?<\/b><\/p>\n<p>Eltern sind das wichtigste Vorbild \u00fcberhaupt! Ein gem\u00e4\u00dfigter Umgang mit Alkohol steht daher auch auf Verwandtenseite an erster Stelle. Mein Tipp: \u00dcberlegen Sie sich mit dem Konfirmanden tolle alkoholfreie Getr\u00e4nke, zum Beispiel Cocktails. Es gibt richtig gute Rezepte f\u00fcr eindrucksvolle Getr\u00e4nke, die der Konfirmand auch selbst vorbereiten und anbieten kann. Damit zeigt man am besten: Es kann auch ohne Alkohol lecker und besonders sein!<\/p>\n<p><b>Lieber Herr Nolte, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notaufnahme statt Familienfeier: Jedes Jahr landen frisch gebackene Konfirmandinnen und Konfirmanden wegen Alkoholvergiftungen im Krankenhaus. Die christliche Feier ist in vielen Regionen Deutschlands immer noch eine Art Initiationsritus zum Erwachsenwerden und damit der Freifahrtschein, um das erste Mal \u00f6ffentlich Alkohol trinken zu d\u00fcrfen. 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